L'Eroica - Gaiole in Chianti 2010

 
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Erlebnisbericht von Hannes

 

Eroica 2010 oder eigentlich ist Mauro schuld!

Eigentlich ist Mauro schuld. Er hatte schon vor anderthalb Jahren diesen Virus losgelassen und von der Eroica erzählt. Einem Radrennen in der Toskana, bei welchem "die Zeit" keine Rolle spielt! Bei der Eroica kann nur mitmachen wer einen alten Renner mit Jahrgang 87 oder älter besitzt. Das heisst: Schaltung unten am Rahmen, die Kabel der Bremsen werden im Bogen darüber geführt und das Wichtigste: Es darf nur mit Riemchenpedale gefahren werden! Die älteren Semester der Gümmeler wissen noch was das heisst.

Letztes Jahr ist die Sache dann trotz allem im Sande verlaufen. Es ist halt nicht leicht einen alten Renner aufzutreiben und anschliessend auch noch fahrfähig zu machen.

Erst in diesem Hochsommer ging die Sache wieder los. Mauro kam immer wieder mal am Montagabend mit seinem alten Cilo (sieht aus wie neu von der Fabrik) an unser Training. Er ist dann locker mitgefahren und hat uns gezeigt, dass nicht nur das alte Material noch was drauf hat. Auch hat er uns erzählt, er habe sich bei Eroica angemeldet. Und dann stellte er wieder die Frage: Wer kommt mit? Gleich hat's wieder angefangen und ich sagte mir, da mache ich auch mal mit. Aber warum nicht dieses Jahr?

Im Herbst habe ich meist viel um die Ohren und bin vom sportlichen her gesehen eher "ein fauler Sack". Wenn's kalt wird habe ich nicht mehr viel Bock um regelmässig auf's Rad zu steigen.

Aber da war doch noch etwas wichtiges! Ich hatte vor ca. 12 Jahren meinen alten Colnago Master Piu für schlappe 400 Franken verhökert! Dies mit noch einem Radpaar und mindestens 8 neuen Collés. Mit dem fahr ich eh nicht mehr, denkste! Aber da kannte ich den Virus von Mauro noch nicht! Ich bin im Frühling mal zum Abnehmer hin und hab mich nach dem Teil erkundigt. Aber den Renner gibt's nicht mehr, leider.

Wo also einen altes Rennrad auftreiben ohne zu ... ? Tja, für etwas hat man doch Freunde und Clubkameraden! So habe ich mich mal umgehört und siehe da, Werni hatte noch in "weiter Ferne" sein altes Colnago Mexico rumstehen. Pedale usw. alles dran. Gut im Schuss und originalbestückt! Nur Collés mussten neue drauf. Putzen, fetten, schmieren und ein Sicher-heitscheck musste sein!

Mauro, ich komme mit! Aber welche Strecke fahren wir? Nun Mauro ist kein Warmduscher wie ich, er hat sich für die 205 Kilometer gemeldet. Puah, wie bitte? Es ist Herbst und die Hälfte der Strecke geht über Naturstrassen, die so genannten "Strade bianche". Ich habe ein Rennvelo auf welchem ich noch nie auch nur einen Meter gefahren bin. Aber was soll‘s ich bin mit dabei! Unser gebuchtes Hotelzimmer war für drei ausgelegt und so habe ich mich dann doppelt gefreut, dass Marco mit von der Partie war. So hatte Mauro einen Mitstreiter für die lange und ich konnte die kurze Runde (immerhin noch 135 Kilometer) planen (was ich den Beiden aber noch nicht sagte! / Ob da schon eine Vorahnung war?).

Nun musste ich noch Schuhe mit den alten Platten und einen Riemchenhelm suchen? Ich wollte natürlich stilecht an den Start gehen. Fest stand, dass ich mit unserem alten Klubtrikot vom VC Landquart (Villiger grün-weiss) an den Start gehen wollte. Mit dem hatte ich als Junior und noch als Amateur zahlreiche Schlachten geschlagen. Es ist dann aus Nostalgie über 25 Jahre in einer meiner Schublade liegen geblieben. Pech für mich war höchstens, dass ich irgendwie ein paar Kilo zugenommen hatte. Ich füllte nun jeden Zentimeter aus. An und ausziehen beinahe unmöglich! Und beissen tut‘s wie eine Sau! Aber was soll’s. Die Pedalplatten der Schuhe werden gebastelt (Plastik aus einem alten Küchenbrett) und den Helm bekomme ich von Ivo (hat mich dann beinahe erwürgt).

Ungefähr zwei bis drei Tage vor der Eroica hatte ich alles zusammen. Die alten Zeiten konnten wieder aufleben! Um vier Uhr am Samstag ging‘s dann ab nach Gaiole in Chianti. Auf dem Gelände der ehemaligen Weinkellerei Ricasoli war schon mächtig viel Betrieb. Viele Verkaufsstände mit wirklich alten Teilen, Zeitschriften und alte Velos warteten auf Käufer. Hinter dem Stand waren Verkäufer im alten Look gekleidet. Er war uns sofort klar: Hier wird nicht nur davon geredet, nein hier werden die alte Radzeiten gelebt! Überall coole Typen, halt wie wir! Eben mit alten Rennvelos und dem Virus im Blut.

Eingangs des Gebäudes standen alte Velos Spalier. Deren Rost lachte uns an! Im oberen Stock neben der Startnummernausgabe konnten wir in einem grossen Saal die wirklichen Oldies ansehen. Teilweise waren diese Räder am Sonntag auch in Betrieb. Pahhhh....., dass müsst ihr euch mal ansehen! Noch nie im meinem Leben hatte ich so viele alte wunderschöne Fahrräder/Rennvelos auf einmal gesehen. Ich hätte viel für eines dieser wunderschönen alten Dinger hergegeben. Auch die alte Technik brachte uns zum Staunen. Ein Fahren mit Suppless war damals wohl unmöglich!

Nach gutem italienischen Essen und kurzem Schlaf fuhren wir um ca. 0600 Uhr vom Hotel auf dem Hügel zur Piazza im Ort. Es war noch dunkel und wir hatten Licht montiert. Nach kurzem Check des Rennrades ging’s dann los auf unsere Runde. Gefahren wurde nicht auf Zeit. Starten konnte man zwischen 5 und 7 Uhr. Wir wollten aber nicht zu früh auf die Strecke. Mehr als eine halbe Stunde im Dunkeln fahren, war nicht unsere Absicht.

So fuhren wir dann zügig in Richtung des ersten Aufstieges. Vor uns eine Gruppe Italiener. Die quatschten ohne Ende. Schon bald befuhren wir den ersten Naturstrassenabschnitt hinauf zum Castello di Brolio. Dies durch einen Spalier von brennenden Kerzen. Ein Superfeeling! In der Abfahrt sassen dann aber schon die Ersten nach einem Sturz im Strassengraben. Mit dem Renner braucht’s halt echt viel Gefühl beim Anbremsen und die Vorderbremse muss man so ziemlich vergessen!

Wir fuhren dann schon bald einmal an Siena vorbei und waren nach ca. 60 km bei der ersten Verpflegungsstelle. Was uns da erwartete hatte ich noch nie bei einem „Rennen“ erlebt. Vom Salami bis zum Kuchen hatte es alles was wir uns erträumten. Sogar Kaffee war für uns da. Nachdem unsere Batterien aufgetankt waren, fuhren wir bis zur Abzweigung der grossen und kleinen Strecke. Es fing an leicht zu Regnen. Mauro und Marco nahmen wie unterwegs abgesprochen die grosse Runde. Wir wünschten uns noch viel Glück (Hört sich etwas theatralisch an, kann man bei diesen Strassen aber gut gebrauchen!).

Ganz locker fuhr ich nun über den Feldweg, welcher leicht abfiel. Hinter mir sang eine Gruppe ein italienisches Lied. Ich verstand vor allem immer wieder das Wort „Piove/Regen“. Der Boden war weich und nicht mehr leicht zu fahren. Und da machte es schon Pfffff….. Dies trotz der neuen Collés. Aber wie hat mir mal ein Kumpel gesagt: Die halten entweder 100 oder 3000 Kilometer. Bei mir waren's halt nur 100. Mit Mühe bekam ich das Hinterrad raus (spezieller Wechsel ) und riss dann gerade den defekten Collés runter. Da machte es wieder Pffff.... Nein, es war zu meinem Glück nicht mein Vorderrad, sondern ca. 30 Meter vor mir blieb ein weiterer Radler stehen. Wir halfen uns und teilten eine Pumpe. Trotzdem hatte mein Collés viel zu wenig Luft (ca. 2 -3 Bar). Die Gefahr einen weiteren Platten einzufangen war so zu gross. Alleine, ohne meine Kumpels und deren Ersatzcollés (man muss ja immer an sich denken!), musste ich also ins Ziel kommen. Ich hätte sicher an die zwei / drei Stunden auf Mauro und Marco warten müssen. Vorsichtig fuhr ich weiter (ist ein bisschen untertrieben!) und achtete darauf nicht zu viel in den Dreck bzw. ins Kies zu geraten. Anschliessend hatte ich dann später bei einer Gruppe (natürlich mit Defekt) einen wirklich "grossen Italiener" nach mehr Luft

gefragt. Er pumpte mein Hinterrad dann gleich selber und so richtig hart! Grazie Italia! Dies hatte mir sicherlich auch geholfen die restlichen ca. 65 Kilometer ohne weiteren Platten zu fahren. Noch nie hatte ich an einem Rennen so viele Leute Schläuche und Collés wechseln sehen. Stellenweise waren es sicher alle 200 bis 300 Meter welche. Gewisse Radler hatten zwei bis drei Collés mit dabei. „Hää…. was soll das“ habe ich vor dem Start gedacht, später wusste ich warum. (Ach übrigens, auch Mauro hatte einen Platten)

Das mit der Form ist halt schon so eine Sache. Pro Woche bin ich diesen Herbst meist noch 2-3 Mal auf dem Velo gesessen. Selten bin ich aber mehr als 20 bis 30 Kilometer weit gefahren. Deswegen hatte ich ein wenig Respekt von der Distanz / 135 Kilometer (meine Distanz). Dazu kam das Rennvelo mit den alten Pedalen, dem schmalen Lenker und das ungewohnte Schalten. Auch hatte die Strecke viele richtige Feldwege (Strade bianche). Einige der Abschnitte waren sicherlich 8-10 Kilometer lang. Ebenfalls hatte es ab der Mitte einige Rampen drin, da war ich echt am Anschlag! Vor allem hatte ich "nur" einen 26er mit dabei. Da musste ich halt ab und zu meinen Renner schieben. Aber kein Problem, der Weg war ja das Ziel und das Wetter war plötzlich wieder gut, die Sonne brannte nieder.

Die Schwierigkeit des Rennens bestand aber eher in den schlechten Strassen. Teilweise hatte es Leute dabei, puahhh die hatten echt alte Räder! Da war "mein" (sorry Werni) altes Colnago echt noch Hightech! Ebenfalls waren die Abfahrten auf den Strade bianche auch nicht ohne. Du kannst dir vorstellen, dass da nicht viel Spielraum blieb. Wir hatten da einige liegen sehen. Aufgefallen waren mir teilweise "Freaks" mit schlechter Fahrtechnik. Auch hatten ein paar Leute echt keine Ahnung vom Velohandwerk. Die Collés waren zum Teil echt lustig zusammengelegt und normale Schläuche wurden ohne Schutz einfach ans Sattelrohr geklebt. Die waren dann voll Dreck. Es lebe der nächste Pfff....!!!!

Meine Distanz (135 km) bot eigentlich keine Probleme. Die ca. 1800 Höhenmeter waren aber nicht ohne! Es war jedenfalls keine Tour für Untrainierte. Die lange Route hatte sogar ca. 3600 Höhenmeter. Auf der Zusatzschlaufe über Montalcino gab's gute 60 Kilometer und rund 1800 Höhenmeter zusätzlich. Zusammen mit den schlechten Strassen und dem alten Material, kann man das sicher von der Leistung her mit einem langen Alpen Chalange vergleichen. Drum Mauro und Marco ich ziehe den Hut vor eurer Leistung! Über die Abenteuer auf dieser Runde gibt's dann sicher noch ein Spezialbericht.

Unterwegs gab's bis zu 7 Verpflegungsstationen mit allem was die italienische Küche zu bieten hatte. Abnehmen unmöglich! So etwas hatte ich noch nie gesehen! Da gab's fast alles zu essen! Suppe, Salami, Schinken, Käse, Kuchen, Trauben und, und, und! Wer wollte konnte sogar einen oder zwei Chianti trinken. Hab mir natürlich auch ein Glas genehmigt!

Ach ja, nach unserer Zieleinfahrt ging's dann mit einer Flasche Wein und vielen Erinnerungen noch den Hügel zum Hotel hoch. Immerhin nochmals ca.300 Höhenmeter.

Nach einer gemütlichen Übernachtung kehrten wir erst am Montag wieder aus Italien zurück. Zuvor genehmigten wir uns auf der Piazza noch ein Cappuccino mit Brioche und liessen das Weekend nochmals passieren.

Einen herzlichen Dank: An Marco und Mauro für die tolle Kameradschaft! An Mauro für den Virus, es war mega cool! Und natürlich an Werni, ohne deinen Colnago Mexico hätte es nur halb so viel Spass gemacht!

 

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