L' Eroica 2012, 205 km, Gaiole in Chianti

 

Fotos von Marco und Mauro

 

 
 

 

 
 

Erlebnisbericht von Hannes

 

L‘ Eroica die Zweite!

Nach 2010 (unbedingt meinen letzten Bericht dazu lesen!) ging's diesen Herbst erneut in die Toskana. Am  Wochenende vom 6. + 7. Oktober standen Mauro, Marco und ich wieder in Gaiole in Chianti.
 
Den Start für meinen Einsatz hatte ich schon letzten Frühling gemacht. Auf einem Velo-Flohmarkt konnte ich einen alten "Piero Zurino" mit Jg. 1978 kaufen. Dieser war bereits als cooles LiveStyle - Stadtvelo umgebaut worden. Mauro hat dann mit seinem goldenen Händchen den Piero Zurino wieder zu einem echten alten Renner zurückgebaut. Meinem Eroica Renner!
Ende Februar konnten wir dann Bilder des Profirennens der Eroica mit dem Sieger Fabian Cancellara in allen Zeitschriften sehen. So versuchten wir in den ersten Tagen im März (Einschreibung offen) uns anzumelden. Dies erwies sich als ein echt schwieriges Unterfangen, was uns erst nach längerem hin und her gelang. Der Run auf die Startplätze war enorm!
Nach einem tollen Velosommer fing der härteste Teil der Eroica-Vorbereitung an. Es galt bis Anfangs Oktober einigermassen in Schuss zu bleiben. Denn die beiden "Ms" hatten letztes Mal die Runde mit den 205 km geschafft. Das war natürlich auch ein Ziel für mich!  Letztes Mal bin ich alleine auf die "kleine" Runde. Nun wollte ich das Erlebnis der grossen Runde mit meinen Kumpels teilen.

Nachdem wir also in Gaiole unsere Startnummern geholt haben, geht‘s gleich über den Flohmarkt. In Gedanken versunken streifen meine Augen über die alten Teile. An einem Stand erblicke ich eine Zeitschrift von 1951 mit Ferdi Kübler im Maillot Jaune der Tour de France. Darunter liegen noch welche mit Hugo Koblet, Fausto Coppi, Jac Anquetil usw. Zum Glück sind sie noch bezahlbar, jetzt sind es meine! Vor allem die Bilder (Text auf französich) in den Zeitschriften sind der Hammer! So muss es wohl gewesen sein und morgen wir dran sein. Die alten Zeiten sollen wieder aufleben, wir sind ein Teil davon!
Ich zeige den beiden "Ms" die Zeitschriften und schon nehmen Sie mich hoch. Denn diese riechen nach Mottenkugeln "puhhh", lagen wohl Jahrzehnte irgendwo in einer Schublade. Ich muss versprechen, dass ich sie nicht im Zimmer rumliegen lasse!
Wir kaufen uns noch ein paar Stücke Pecorino und einige Streifen feinen Rohschinken. Hinten am Stand holen wir uns noch eine Flasche Wein (Chianti Gino Bartoli). Ein Prost auf Italien und auf morgen! So spürt man Italien am Besten! Kurz darauf treffen wir dann noch Dani Huber und Ricci Dasoli. In unserem Hotel plaudern wir zusammen mit den später eintreffenden Clau und Debora über alte Zeiten und so. Wir "Bündner" sind dieses Jahr echt stark vertreten! Fragt mal nach wie es diesen Helden so ergangen ist.

Wir Freireiter jedenfalls fahren im Dunkeln an den Start (natürlich mit Licht). Nach kurzem Anstehen (Radkontrolle) und Einschreiben (wie echt) geht's um ca. 05:45 Uhr los. Zuerst abwärts über eine Teerstrasse (man möchte uns noch ein wenig verwöhnen) und anschliessend hoch zum Castello di Brolio. Nach dem beleuchteten Spalier (Fakeln) beim Castello fahren wir gleich in die Abfahrt. Es ist echt viel Volk unterwegs und wir wollen schon am Anfang vorwärts kommen. Im Dunkeln geht's über die Feldstrasse mit Kies und Schlaglöchern, die Eroica hat uns! Später fahren wir wieder über eine Teerstrasse. Im Dunkeln habe ich den Anschluss an die beiden "Ms" verloren. Trotz gutem Licht am  Rad ist das Ganze nicht wirklich einfach. Immer wieder stehen Leute mit Defekt oder einfach so am Strassenrand. Beim ersten Anstieg ist von meinen Kumpels nichts zu sehen. Haben Sie mich stehen gelassen oder bin ich vielleicht sogar an ihnen vorbei gefahren? Nach kurzem Nachfragen über Natel (sind ja nicht von gestern! / schauen nur so aus!) sehen wir uns dann in 4-5 Km wieder.
In der Zwischenzeit ist es hell geworden.Nach ca. 50 km sind wir an der ersten Verpflegungsstelle. Extrem viele Leute stehen an. Uns nervt die Dränglerei, drum sind wir schon bald wieder auf dem Rad. Da wir im Hotel toll gefrühstückt hatten, ist dies aber kein Problem für uns. Bei ca. 70 km geht's auf die 205er Schlaufe!

Kurz danach im Aufstieg nach Montalcino wird mir der Ernst der Lage bewusst. Auf was habe ich mich hier eingelassen? Es ist laut Tafel mindestens 15% steil. Auf der Naturstrasse muss ich die Kurven aussen fahren. Von Kadenz keine Spur mehr, aber ich war ja mal Schweizer Militärradfahrer und würge mich hoch! Irgendwie komme ich dann doch auch auf den Hügel. Die beiden „Ms“ sind irgendwo weiter vorne. Erstaunlicherweise ist dann aber erst auf der Rückseite vom Berg, also unten wieder eine Kontroll- und Verpflegungsstelle (ca. bei 97 km).

Nach ausgiebiger Verpflegung reihen wir Hügel an Hügel. Wir versuchen Kraft zu sparen, weichen den Schlägen und Löchern aus und fressen Staub. Meist fluchen wir, wenn irgend ein Begleitauto an uns vorbeifährt und Staub aufwirbelt! Aber Maul zu! Während der Fahrt palavere ich noch mit einem älteren Träger eines Cilo aufina - Trikot. Er kommt aus Mendrisio. Ca. 10-15 km später liegt er (Sturz?!) vor uns auf der Strade Bianche und kann wohl nicht mehr weiter. Er wird von einem Begleiter betreut! Nach ca. 135 km bekommen wir bei Asciano beim Friedhof (Schatten) nochmals eine super Verpflegung. Da ich die Strecke ab hier wieder kenne, weiss ich dass jetzt vier bis fünf hammersteile Schotter-Rampen (+23%) hoch nach Monte Sante Marie kommen. Meine beiden Begleiter warne ich vor, denn ich werde die steilsten Dinger zu Fuss bezwingen. Oben angekommen sehe ich die die "Ms". Auf meine Frage ob sie alle Rampen hochgefahren sind, antworten Sie mit einem Lächeln. OK ich weiss Bescheid!

Von hier an nimmt mich Marco ein Stück ins Schlepptau. Dies bringt mir vor allem Fahrtechnisch viel. So vergeude ich keine Kraft, weiss immer wo es am wenigsten Löcher bzw. keinen Kies hat. Mauro ist meist ein wenig weiter vorne. Wir sehen ihn nicht. So fressen wir die  Kilometer bis zum Städtchen Castelnuovo bei Kilometer 165! Dort hat uns Mauro bereits schon eine Flasche Cola für den Endspurt besorgt. Wir essen wieder was das Zeug hält und ab geht's auf die letzte Schlaufe über Rada in  Richtung Gaiole. Nach ein paar kurzen aber heftigen Rampen gelangen wir auf einen Hügelkamm. Auf einer der letzten Strade Bianche fahren wir bis fast ins Ziel. Meist hänge ich ein wenig hinter meinen Kumpels zurück. In einer steilen Abfahrt ca. 10 km vor dem Ziel winkt uns Jemand ab. Wir sehen eine Frau aus Argentinien, welche gestürzt ist. Sie wird sitzend am Strassenrand betreut. Auf der Strasse und an ihrem Kopf ist viel Blut. Auf dem welligen Schlussparcours kommt uns später der Krankenwagen mit Horn und Sirene entgegen. Dies mitten in der Macchia. Oberhalb Gaiole kommen wir aus dem Wald, die Zivilisation hat uns wieder. Und plötzlich hat Mauro vorne am Cilo platt. Aber kein Problem der Renner hängt schon am Olivenbaum unserem Montageständer und schon bald stürzen wir uns in die Abfahrt.
Wir sind inzwischen ca. 12 Stunden unterwegs und das Ziel ist zum Greifen nah. Ab und zu fallen Regentropfen. Ich fahre ohne Risiko talwärts. In der Kurve vor unserem Hotel liegt ein älterer rundlicher Asiate. Diesen hat‘s unten rausgehauen. Ich halte noch kurz an und frage wies geht? Bekomme dann aber sofort ein "No Problem!"  Der arme Kerl muss nur noch seine Sachen zusammensuchen. Erst hat ihn Marco oben noch über den letzten Hügel gestossen und jetzt liegt er hier, aber "No Problem!"

Wir kommen kurz nach sechs ins Ziel. Vor dem Zielband / Zelt hat’s wieder eine längere Kolonne. Marco holt uns in der Nähe ein Bier. Danke Marco und Prost! Wir stossen an auf die harten 205 km, diese fühlen sich an wie 300. Das Bier spült den Staub von unserer Kehle. Unser Radel muss noch ein wenig auf's Wasser warten.
Ein Fernsehteam kommt zu Mauro. Der Reporter quatscht  Mauro an. Er will noch ein paar gute Bilder mit einem Schweizer machen. Mauro hat ein wunderschönes Trikot mit Schweizerkreuz an. Und Zack, es wird hell und Mauro muss noch auf Italienisch ran. Der Reporter quatscht drauflos wie blöd! Mauro ist jetzt wohl ein Star im Süden! Die machen dann noch von jedem ein Foto und von uns drei natürlich ein Gruppenbild. Wir waren schliesslich ein auch tolles Team!
Nach einer ausgiebigen Dusche sitzen wir schon bald beim Nachtessen. Es war ein langer Tag und ich bin schon ein „wenig müde“. Ich geniesse den "Sieg" über mich! Und dies mit Freunden, was gibt es besseres! Es macht mich stolz zum „205er Klub“ zu gehören! Puahh jetzt kann ich voll mitreden.... Möchte jemand etwas wissen?

Am nächsten Tag nach einem guten Kaffee an der Piazza geht‘s mit ein paar Leckereien wieder zurück in die Schweiz. Der Alltag hat uns wieder. In Gedanken sind wir aber noch bei der Eroica!

 

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